Herkunft und Verbreitung  | Seitenübersicht 1. Herkunft und Verbreitung des Namens Schinzel 1.1 Herkunft des Namens 1.2 Historische Verbreitung bis 1900 1.3 Heutige Verbreitung in Deutschland 1.4 Heutige Verbreitung in Europa und Übersee 1.5 Die verschiedenen Linien der Schinzels 1.6 Die gemeinsame Kernregion und Herkunft der Schinzels
2. Die Herkunftsregion meiner Vorfahren: Lichten im Ostsudetenland 2.1 Geografische Gegebenheiten 2.2 Wirtschaftliche Strukturen in der Region 2.3 Wirtschafts- und Beschäfigungsstrukturen in Lichten 2.4 Kulturelle Besonderheiten 2.5 Soziales Zusammenleben
1. Herkunft und Verbreitung des Namens Schinzel
1.1 Herkunft des Namens: Die Familiennamen können uns einen ersten Eindruck über unsere Vorfahren vermitteln, da sie häufig aus dem Wohnort, der Herkunft, dem Beruf oder typischen Eigenschaften eines Urahn abgeleitet wurden. Die ersten Familiennamen entstanden etwa ab 1100 und entwickelten sich bis nach 1200 weiter. Eine häufige Deutung des Familiennamens Schinzel sieht den Namen aus einem Beruf bzw. einer Beschäftigung abgeleitet, und zwar der Tätigkeit des Webens. Danach hat sich der Name aus dem Wort "schintz" gebildet, welches das Schiffchen bezeichnet, das vom Weber bei seiner Tätigkeit hin und her geschossen wurde. Demnach wäre ein Schinzel eine Person, welche die Beschäftigung des Webens ausübt und hierbei mit dem "schintz" arbeitet. Anscheinend ging ein Urahn der Schinzels zur Zeit der Entstehung der Familiennamen im 12. Jahrhundert der Beschäftigung des Webens nach.
 Quelle: Pierpont Morgan Library, M 453 Fol. 030v - Virgin Mary Espousal (1420 - 1435)
1.2 Historische Verbreitung bis 1900: Die erste Erwähnung des Namens Schinzel stammt aus dem 15. Jahrhundert. Sie wurde noch nicht in einem Kirchenbuch vorgenommen, sondern in alten Stadt- und Urkundenbüchern. Ein Hensel Schinzel wurde im Jahre 1454 im ältesten Schönberger Stadtbuch aus dem 15. Jahrhundert genannt. Die darauf folgenden Nennungen sind in tschechischer Sprache: Ein Jirik Sscincl wurde im Jahre 1500 in Bladensdorf erwähnt und ein Stepan Sincl im Jahre 1545 in Böhmisch-Liebau. Alle drei Orte liegen nahe beieinander in Nord-Mähren auf einer südlich gerichteten Strecke zwischen dem Altvater-Gebirge und dem Tal der March. Es wird noch zu zeigen sein, dass es sich hierbei um Angehörige der mährischen Linie der Schinzels handelte.
Zur Ermittlung der historischen Verbreitung des Namens Schinzel habe ich in den großen internationalen Namensdatenbanken gesucht (vgl. Familienforschung). Für den Zeitraum zwischen 1600 und 1900 fand ich 127 Geburtsfälle auf den Namen Schinzel. Es zeigte sich, dass der Name bereits um 1900 geografisch sehr verbreitet war. Zu diesem Zeitpunkt gab es Schinzels nicht nur in Deutschland, sondern auch in Elsass- Lothringen, in England, in Dänemark und in den USA. Zudem trat der Name damals in Nieder-Österreich, in der Steiermark und in Galizien auf. Ein weiteres Ergebnis war, dass der Name in bestimmten Regionen gehäuft vorkam. Solche Häufungen gab es in Thüringen und Franken zwischen den Flüssen Saale und Main sowie in Pommern und Westpreußen. Eine besonders starke Namenshäufung zeigte sich in einem relativ kleinen Gebiet im südlichen Schlesien, im ehemaligen Österreichisch-Schlesien und in Nordmähren. In diesem Gebiet zwischen den Städten Jägerndorf, Troppau und Olmütz mit einer Ausdehnung von etwa 70 km in Nord-Süd-Richtung und 50 km in West-Ost-Richtung lagen knapp 40% aller Geburtsfälle zwischen 1600 und 1900 auf den Namen Schinzel.
 Quelle der Karte: F.W. Putzger: Historischer Weltatlas - Mitteleuropa 1920 1.3 Heutige Verbreitung in Deutschland: Im 20. Jahrhundert beeinflußten zwei Ereignisse die Verbreitung des Namens Schinzel. Das eine war der Zerfall der Donaumonarchie Österreich-Ungarn nach dem ersten Weltkrieg 1918 und die Entstehung der Tschechoslowakei. Eine Reihe von sudetendeutschen Schinzels aus Österreichisch-Schlesien und Mähren fasste bereits damals den Entschluss, nach Österreich abzuwandern. Noch sehr viel gravierender wirkte sich der Untergang des nationalsozialistischen Deutschland 1945 aus: Die deutsche Bevölkerung im Sudetenland sowie aus den Gebieten östlich der Oder-Neisse-Linie wurde aus ihren Heimatgebieten vertrieben und kam nach West- und Mitteldeutschland. Die meisten Bewohner des Ostsudetenlandes scheinen damals in die amerikanische Zone vertrieben worden zu sein und ließen sich vor allem im südlichen Bayern nieder. Aber auch nach Hessen und in andere Gebiete kamen damals Schinzels. Die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg führte für die Sudetendeutschen nicht nur zum Verlust der Heimat und brachte großes Leid mit sich. Sie erschwert heute auch die Interpretation von Namensverbreitungskarten, da die urprünglichen Wohngebiete der Schinzels jetzt zusätzlich von den Vertriebenen überlagert werden, die erst nach 1945 in ihren heutigen Wohngebieten angesiedelt wurden. Eine solche Namensverbreitungskarte für den Namen Schinzel kann mit der Geogen- Software erstellt werden (vgl. Familienforschung). Danach gibt es heute im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland 443 Telefonbuch-Einträge auf den Namen Schinzel, die in 177 verschiedenen Landkreisen wohnen. Die Anzahl der Personen mit diesem Namen wird auf 1.176 Peronen hochgerechnet, so dass der Name normal häufig auftritt. Eine starke Häufung des Namens Schinzel findet sich in den Gebieten des südlichen Thüringen und des nördlichen Bayern, also in der Region zwischen Saale und Main. In diesem Gebiet liegt auch der Ort mit dem häufigsten Vorkommen des Namens: In der Stadt Coburg finden sich 117 Telefonbucheinträge auf den Namen Schinzel auf 1 Millionen Einwohner. Auch in den umliegenden Kreisen Saalfeld- Rudolstadt in Thüringen sowie in den benachbarten Kreisen Hassberge und Schweinfurt ist der Name weit verbreitet und liegt noch bei 51 bis 70 Einträgen. Die Namenshäufung in dieser Region stimmt auffallend deutlich mit der Verbreitung der thüringisch- mainfränkischen Linie der Schinzels überein, welche noch dargestellt wird. Weitere Namenshäufungen finden sich im Kreis Aschersleben-Stassfurt in Sachsen-Anhalt und im südlichen Bayern (z.B. in den Städten Kempten und Memmingen). Die Konzentration des Namens in Bayern und in einigen Kreisen Hessens (z.B. Wetteraukreis) sind als Folge der Vertreibung anzusehen, da viele Sudetendeutsche hier angesiedelt wurden. 
Quelle: Geogen Onlinedienst: christoph.stoepel.net/ - Christoph Stoepels Homepage 1.4 Heutige Verbreitung in Europa und Übersee: Um einen Eindruck über die Verbreitung des Namens Schinzel außerhalb Deutschlands zu gewinnen, habe ich die internationalen Telefonbücher ausgewertet (White Pages). Es zeigte sich, dass nicht nur in Europa sondern auch in Übersee der Name in einer Reihe von Ländern anzutreffen ist. In Europa ergab sich eine Häufung des Namens in Österreich (39 Fälle), in Tschechien (34) und in der Schweiz (24). Von den in Tschechien aufgefundenen Schinzels tragen 24 die tschechische Namensfassung (Sincl). Die heutige Verbreitung des Namens in den Ländern Tschechien und Österreich wie auch in Ungarn (3 Fälle) und Rumänien (1) erklärt sich aus der Geschichte. Der Name Schinzel trat traditionell in Nordmähren und Österreichisch-Schlesien gehäuft auf. Diese Gebiete waren bis 1918 Teil der Donaumonarchie Österreich-Ungarn, welche sich bis auf den Balkan erstreckte. Offensichtlich sind zur Zeit der Donaumonarchie einige Schinzels aus ihren Heimatgebieten in Mähren und Schlesien abgewandert und haben sich im Süden Mährens, in den Kerngebieten Österreichs, in Ungarn und in Rumänien niedergelassen. In Polen konnten nur 2 Fälle aufgefunden werden. Dies liegt zum einen an der Vertreibung, zum anderen aber auch daran, dass das polnische Telefonbuch nur Gewerbebetriebe ausweist. Außerdem kommt der Name Schinzel in Europa noch in Schweden (6 Fälle), in Großbritannien (3), in Luxemburg (1), in Frankreich ( 7) und in Italien (4) vor.
Abgesehen von Deutschland leben die meisten Schinzels in den USA. Die US-Telefonbücher weisen 137 Einträge auf den Namen Schinzel aus, die meisten davon in den Bundesstaaten Nebraska, Minnesota und New York. Es handelt sich hierbei um Nachkommen von Auswanderern aus den deutschen und österreichischen Gebieten im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die amerikanischen Immigrationslisten der Auswanderungs- häfen weisen insgesamt 113 verschiedene Personen mit dem Namen Schinzel aus, die in die USA einwanderten (vgl. Familienforschung). Der erste Einwanderer mit dem Namen Schinzel war ein 1776 geborener William Schinzel, der im Jahre 1835 mit seiner Frau Christiane aus Sachsen in die USA kam, von Beruf Farmer war und sich in den USA niederlassen wollte. Die ersten aus Österreich-Ungarn einwandernden Schinzels waren ein Theodor Schinzel mit seiner Frau Helene und vier Kindern, die 1880 mit dem Schiff "Oder" in New York eintrafen. Die meisten Schinzels gelangten in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in die USA. Auch nach Kanada wanderten Schinzels aus. In Kanada gibt es heute 16 Einträge im Telefonbuch auf diesen Namen. Der erste Schinzel muss zwischen 1900 und 1910 nach Kanada gekommen sein und sich in Ottawa niedergelassen haben. Von Ottawa aus haben sich die Nachkommen westlich in Richtung Ontario-See ausgebreitet. In Brasilien gibt es 19 Schinzels, von denen die meisten im Einzugsbereich der Stadt Curitiba im Bundesstaat Parana leben. Ihre Urahnin scheint eine Cecilia Schinzel zu sein, die 1873 in Parana geboren wurde. In Uruguay gibt es eine Person und in Australien zwei Personen mit den Namen Schinzel Quelle der Karte: www.johomaps.com/world
1.5 Die verschiedenen Linien der Schinzels: Die heutigen Namensverbreitungskarten sind zur Ableitung unterschiedlicher Schinzel-Linien nicht geeignet, da sie durch die Effekte der Vertreibung überlagert werden. Daher wurde auf die historische Namensverbreitung bis 1900 zurückgegriffen, wie sie in den internationalen Namensdatenbanken vorgefunden wurde. Diese Daten wurden um Angaben zu den Herkunfts- regionen der Einwanderer in den amerikanischen Immigrationslisten ergänzt. Es zeigte sich das in der historischen Verbreitungskarte in Kapitel 1.2 dargestellte Ergebnis. Es gab in einigen Regionen, die teilweise über 500 km voneinander entfernt lagen, deutliche Häufungen des Namens Schinzel. Diese Namenshäufungen in bestimmten Regionen interpretierte ich als unterschiedliche Linien der Schinzels. Auf der Grundlage der regionalen Häufungen in obiger Karte glaubte ich, die folgenden Linien der Schinzels unterscheiden zu können:
- die thüringisch-mainfränkische Linie der Schinzels,
- die westpreußische Linie der Schinzels,
- die Jägerndorfer Linie der Schinzels,
- die mährische Linie der Schinzels.
Für jede dieser Linien lassen sich entsprechend der historischen Wohnorte unterschiedliche Familienäste unterscheiden. So gibt es innerhalb der thüringisch-mainfränkischen Linie der Schinzels einen thüringischen Ast, einen mainfränkischen Ast, einen sächsischen Ast, einen anhaltinischen Ast, einen hannoverschen und einen westfälisch-rheinischen Ast. Diese Äste sind vermutlich durch Wanderungsbewegungen einzelner Angehöriger einer Linie entstanden. Für die westpreußische Linie lässt sich ein brandenburgischer Ast, ein westpreußisch-pommerscher Ast und ein badischer Ast ableiten. Der badische Ast scheint durch Abwanderung eines Angehörigen des westpreußisch-pommerschen Astes zur Zeit der napoleonischen Kriege entstanden zu sein; ein Angehöriger des badischen Astes scheint um 1850 in die Schweiz abgewandert zu sein, so dass der Name heute auch in der Schweiz anzutreffen ist. Bei der Jägerndorfer Linie wird zwischen einem schlesischen Ast, einem ostpreussischen Ast, einem Ostsudeten-Lichtener Ast und einem Leobschütz-Troppauer Ast unterschieden. Zu dem schlesischen Ast habe ich aufgrund der Vertreibung kaum noch Hinweise. Dennoch bin ich sicher, dass es solch einen Ast gegeben haben muss. Man müsste in die Einwohnerverzeichnisse der Orte von vor 1945 einsteigen, um die früheren Wohngebiete der Schinzels in Schlesien zu identifizieren. Die mährische Linie besteht aus einem Olmützer Ast, einem österreichischen Ast und einem galizischen Ast. Der thüringische Ast der Schinzels mit heutigen (violett) und historischen (orange, rot) Wohnorten - Quelle der Karte: www.mapsofworld.com 1.6 Die gemeinsame Kernregion und Herkunft der Schinzels : Wie sind diese unterschiedlichen Linien gleichen Namens in weit entfernt voneinander Gebieten entstanden, und gibt es eine gemeinsame Kernregion? Nach meinem Eindruck war die Ostsiedlung des 13. Jahrhunderts das Ereignis, das die Entstehung der verschiedenen Linien der Schinzels verursachte. Etwa um das Jahr 1200 entstand in dem Gebiet zwischen Saale und Main eine nach Osten gerichtete Siedlungsbewegung, die in die wenig bevölkerten slawischen Gebiete östlich der Saale, Elbe und Oder vordrang. Damals machten sich viele nachgeborene, nicht erbberechtigte Söhne nach Osten in die großen Waldgebiete auf, ließen sich an einem geeigneten Ort nieder, rodeten den Wald und nahmen das Land unter den Pflug. Als nach einer Generation die Kinder der Neusiedler heran- gewachsen waren und nur der älteste Sohn den Hof übernehmen konnte, machten sich die nachgeborenen Söhne erneut auf und zogen weiter in Richtung Osten. So rückte die Ostsiedlung über mehrere Generationen immer weiter nach Osten vor, überschritt die Oder und gelangte nach Schlesien, in das Sudetenland sowie nach Pommern und Westpreußen.
Anhand der Ortsnamen ist es gesichert, dass die Ostsiedlung zu einem großen Teil von Siedlern aus dem Gebiet zwischen Saale und Main getragen wurde. Hier muss um 1200 ein Schinzel gelebt haben, dessen nachgeborene Söhne an zwei verschiedenen Siedlungsbewegungen teilnahmen. Der eine zog am Nordrand des Erzgebirges entlang in Richtung Osten in das Gebiet um Kamenz. Nach dem Überschreiten der Oder ging die Ostsiedlung durch Schlesien am Nordrand des Riesengebirges weiter. Die Ostwanderung dieses Schinzels und seiner Söhne und Enkel ging bis in das Gebiet zwischen Jägerndorf und Troppau im Sudetenland, wo die Jägerndorfer Linie der Schinzels und später die mährische Linie entstanden. Der andere Sohn aus dem Saale-Main-Gebiet nahm an der Siedlungsbewegung in Richtung Nordosten teil. Er und seine Nachkommen durchquerten das Havelland und das märkische Oderland, überquerten die Oder im Norden und ließen sich in Westpreußen nördlich der Netze nieder. Dort begründeten sie die westpreußische Linie der Schinzels.
 Darstellung der Ostsiedlung im Sachsenspiegel (um 1230) Quelle: Heidelberger Sachsenspiegel, Cod. Pal. germ. 164 digi.ub.uni-heidelberg
Unter Einbeziehung der Ostsiedlung kann es also tatsächlich eine gemeinsame Kernregion und eine gemeinsame Herkunft aller Schinzel-Linien geben. Diese Kernregion muss bis zum Jahre 1200 in dem Gebiet zwischen Saale und Main gelegen haben. Nach meiner Meinung lässt sie sich noch weiter eingrenzen und liegt zwischen den Flüssen Unstrut und Wipper südlich des Höhenzuges der Hainleite und nahe der Stadt Bad Frankenhausen im nördlichen Thüringen. Der erste in einem Kirchenbuch eingetragene Schinzel war ein 1624 in Bilzingsleben in dieser Region geborener Volkmar Schuentzel. Ein Johann Gottfried Schuentzel wurde um 1690 im Nachbarort Froemmstedt geboren. Die historischen Geburtsorte der Schinzels deuten darauf hin, dass von hier aus Wanderungsbewegungen in Richtung Süden nach Mainfranken, in Richtung Osten nach Sachsen, in Richtung Norden nach Anhalt und in Richtung Nordwesten nach Goslar und Hannover gingen.
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2. Die Herkunftsregion meiner Vorfahren: Lichten im Ostsudetenland 2.1 Geografische Gegebenheiten: Meine Vorfahren lebten über 600 Jahre in dem Ort Lichten südlich von Jägerndorf im Ostsudetenland (heute: Lichnov in Tschechien). Erst mein Großvater Johann Schinzel hat um 1900 das Sudetenland verlassen, ist aus der Donaumonarchie Österreich-Ungarn in das preußische Schlesien des deutschen Kaiserreiches übergesiedelt und hat sich in der Grafschaft Glatz als Dachdecker- meister niedergelassen. Auf der Grundlage meiner Einteilung bin ich also väterlicherseits dem Ostsudeten-Lichtener Ast der Jägerndorfer Linie zuzuordnen. Lichten liegt im Osten der Berge der Sudeten und des Altvatergebirges sowie des sich daran anschließenden Plateaus des Gesenkes, das in die Oder-Ebene übergeht. Während im Altvatergebirge die Berge bis zu einer Höhe von 1.490 m ansteigen, liegt das Gesenke in einer Höhe von 600 bis 700 Metern. Das Gesenke wird von dem im Gebirge entspringenden und zur Oder fließenden Flüssen Oppa und Mohra durchflossen, die die Plateaulandschaft mit bis zu 300 Metern tiefen Tälern zerschneiden. Im Osten ist Lichten durch eine Bergkette von der Ebene der Oder getrennt, die hier das Gebirge verläßt und in die schlesische Tiefebene übergeht. Am Oberlauf der Oder befindet sich die Mährische Pforte, eine natürliche Einfallsschneise nach Mähren, durch die in der Vergangenheit immer wieder feindliche Heere nach Mähren und Böhmen einfielen. Das Klima im Gesenke ist relativ streng. Der Winter dauert sehr lange. Bereits Anfang Oktober setzen Fröste ein und bis in den Mai kann es Schneetage geben. Mit einer Schneedecke ist an 40 bis 60 Tagen im Jahr zu rechnen. Die Niederschläge nehmen von Osten nach Westen in Richtung Altvatergebirge zu. Die geringsten Niederschläge weisen die Monate Januar/Februar, die höchsten die Monate Juli/August auf. Im Sommer fallen die Niederschläge häufig als Gewitterregen, wobei durch die Staulage die gefürchteten Ostgewitter eine verheerende Wirkung haben können. Es schließt sich die Jahreszeit des oft gerühmten "schlesischen Herbstes" mit seiner kristallklaren Luft an. Der Boden im Gesenke ist karg. Die Schieferböden sind flachgründig, steinig und von leichter Beschaffenheit. Sehr viel bessere Voraussetzungen für die Landwirtschaft bieten die fruchtbaren Lössböden in der östlich von Lichten gelegenen Oder-Ebene. In dieser Lösszone kann ein landwirtschaftlicher Betrieb den fünf- bis zehnfachen Ertrag erwirtschaften als ein gleich großer Betrieb im Gesenke.  Lage von Lichten in Österreichisch-Schlesien - Quelle: Meyers Konversations-Lexikon, 5. Auflage 1897
Lichten gehörte zum Landkreis Freudenthal in Österreichisch-Schlesien und war ein langgestrecktes Bergdorf in einem vom Cziczina-Bach durchflossenen Tal, das von Bergen mit einer Höhe von 690 Metern umgeben war. Österreich-Schlesien war der kleinere Teil Schlesiens, der nach den Schlesischen Kriegen und dem Siebenjährigen Krieg zwischen Österreich und Preußen im 18. Jahrhundert bei Österreich verblieb, während der größere Teil damals an Preußen fiel. Hauptstadt des Kronlandes Österreichisch-Schlesien war die Stadt Troppau (heute: Opava), die 1910 etwa 30.000 Einwohner zählte. Troppau liegt in südöstlicher Richtung von Lichten in einer Luftlinien-Entfernung von etwa 20 km. Lichten befindet sich zwischen den Städten Freudenthal (heute: Bruntal) und Jägerndorf (heute: Krnov). Die Entfernung zu der westlich von Lichten gelegenen Kreisstadt Freudenthal beträgt etwa 12 km, in das nördlich gelegene Jägerndorf sind es nur 9 km. Der Ort Bennisch liegt etwa 5 km südlich von Lichten. Lichten selbst hatte im Jahre 1939 knapp 1.700 Einwohner.
2.2 Wirtschaftliche Strukturen in der Region: Das Gebiet um Freudenthal verfügte über viele Bodenschätze. So waren Bergleute aus dem Harz und Sachsen die ersten deutschen Siedler, die in dieses Gebiet gelangten. Freudenthal wurde bereits 1213 gegründet und war der Ort mit den ältesten Stadtrechten in Böhmen und Mähren. Bereits seit dem 12. Jahrhundert wurde im Gebiet um Engelsberg in den Flüssen Goldwäscherei betrieben, die später durch eine organisierte Goldgewinnung abgelöst wurde. Noch 1590 wurden hier Goldklumpen von vier und sechs Pfund Gewicht gefunden. Viele deutsche Ortsnamen in der Region erinnern an die Goldgewinnung, wie z.B. Goldoppa, Goldbach, Goldseifen. Bei Bennisch gab es auch Vorkommen von Silbererzen, deren Abbau zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert erfolgte. ein weiterer wichtiger Zweig des Bergbaus war der Abbau von Eisenerzen. der um Klein-Mohrau und östlich von Bennisch vorgenommen wurde. Die Eisenerzvorkommen bildeten die Grundlage für das Entstehen einer Eisen- und Metallindustrie. Bereits im 16. Jahrhundert wurde mit der Verhüttung der Eisenerze in Hochöfen begonnen. Die hierzu benötigte Holzkohle war aufgrund des Waldreichtums der Region leicht zugänglich. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gingen die Bodenschätze zunehmend zur Neige, und viele Bergleute mussten sich einen anderen Beruf suchen.
Die Voraussetzungen für die Landwirtschaft waren im Gesenke aufgrund des rauhen Klimas und der steinigen Böden nicht besonders günstig. Trotzdem spielte die Landwirtschaft in diesem Gebiet immer eine wichtige Rolle. Neben den Bergleuten waren es deutsche Bauern, die sich um 1260 hier ansiedelten, die Wälder rodeten und den Boden für die Landwirtschaft nutzbar machten. Der Kreis Freudenthal war durch eine kleinbäuerliche Landwirtschaft geprägt. Die durchschnittlichen Betriebsgrößen lagen in der Region zwischen 10 und 15 ha. Aber nahezu die Hälfte aller landwirt- schaftlichen Betriebe (44 %) hatte weniger als 5 ha Landfläche. Solche Betriebsgrößen reichten für den Lebensunterhalt nicht aus. Die Landwirtschaft war in solchen Betrieben nur noch ein Nebenerwerb, während das Haupteinkommen aus einem anderen Beruf - wie z.B. einem Handwerk - bezogen werden musste. Aber auch im Gesenke gab es noch unterschiedlich günstige Bedingungen für die Landwirtschaft, die sich aus den Höhen- und Klimaunterschieden der Standorte ergaben. Begünstigte Standorte waren die Gemeinden im Osten des Gesenkes, die nahe der Oder-Ebene lagen. Nach Westen hin schloss sich eine weitere Zone an, die etwa zwischen Bennisch und Freudenthal lag. Noch weiter westlich mit zunehmender Höhe und Nähe zum Altvatergebirge, wurden die Bedingungen für die Landwirtschaft immer ungünstiger bis zu einer hoch gelegenen Zone, in der nur noch Weide- und Waldwirtschaft möglich war. In diesen waldreichen Gebieten war die Forst- und Holzwirtschaft von Bedeutung.  Lichten zwischen Freudenthal, Jägerndorf und Bennisch - Quelle: Heimatkreis Freudenthal: Freudenthal und seine Kreisgemeinden, Kartenanlagen
Das Handwerk spielte in den Dörfern des Gesenkes bereits seit der Ostsiedlung eine Rolle, da die bäuerlichen Siedler von Handwerkern (Bäcker, Fleischer, Schmiede usw.) begleitet wurden. Im Laufe der Jahrhunderte kam dem Handwerk eine immer größere Bedeutung zu. Mit zunehmendem Bevölkerungswachstum bei gleich bleibenden Landflächen wurde eine immer größere Anzahl von Menschen aus der Landwirtschaft frei gesetzt, die ein Handwerk aufnahmen. Einen weiteren starken Impuls erhielt das Handwerk in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als die Bodenschätze knapp wurden und immer mehr Bergleute freigesetzt wurden. Zu dieser Zeit musste die Region einen Strukturwandel vollziehen, in deren Verlauf sich viele ehemalige Bergleute einem Handwerk zuwandten. Zu dieser Zeit nahm im Gesenke der Flachsanbau, die Garnerzeugung und die Weberei einen Aufschwung. Insbesondere das Weberhandwerk nahm in den folgenden Jahrhunderten stark zu. Es war in den Städten in Zünften organisiert und bildete in den Dörfern als Heimarbeit eine wichtige Einkommensquelle. Auch meine Vorfahren in Lichten übten neben einer kleinen Nebenerwerbslandwirtschaft von etwa 3 ha handwerkliche Berufe aus. Um 1800 waren sie über zwei Generationen hinweg Gürtler, ein Metall bearbeitendes Handwerk, bei dem aus Messing Gurt- und Zaumzeugschnallen, Spangen, Knäufe sowie Metallbeschläge für Pferdegeschirre, Sättel, Wagen und Möbel hergestellt wurden. Das im Gesenke verbreitete Weberhandwerk bildete im 19. Jahrhundert die Grundlage für die Entwicklung einer Textilindustrie, wobei der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Fertigung unter großen sozialen Spannungen verliif. 2.3 Wirtschafts- und Beschäftigungsstrukturen in Lichten: Auf der Grundlage der von Otto Bittmann in seinen "Erinnerungen an Lichten" niedergelegten Liste der 1945 in Lichten lebenden Haushalte habe ich eine Reihe von Auswertungen vorgenommen. Insgesamt gab es in Lichten damals 374 Häuser, in denen 506 Haushalte bzw. Familien lebten. Die Einwohnerzahl wurde für das Jahr 1939 mit 1.676 Personen angegeben, so dass die durchschnitlliche Haushaltsgröße 3,3 Personen betrug. Der am häufigsten vorkommende Familienname war der Name Bittmann, den 24 Familien trugen. Ebenfalls sehr häufig traten die Namen Meier (21 Fälle), Rotter (19), Schmidt und Lulei (je 17), Mihatsch (13) und Januschke (11) auf. Die Namenshäufungen deuten darauf hin, dass diese Familien in Lichten schon lange ansässig waren und vielleicht bereits mit der Ostsiedlung hierher kamen. Auch der Name Schinzel trat mit 7 Fällen überdurchschnittlich häufig auf. Im einzelnen wohnten 1945 die folgenden Familien mit dem Namen Schinzel in Lichten, wobei ich die erstgenannte für meine nächsten Angehörigen halte. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihr um Nachkommen des älteren Bruders meines Großvaters, der um 1900 Lichten verlassen hatte.
- Alois Schinzel, Hausnummer 65, Zimmermann mit 3 ha Land,
- Hans Schinzel, Hausnummer 99, Landwirt mit 52,55 ha Land,
- Adolf Schinzel, Hausnummer 116, Ausgedinger, Zimmermann, kein Grundbesitz,
- Josefa Schinzel, Hausnummer 133, Ausgedingerin, kein Grundbesitz,
- Alois Schinzel, Hausnummer 154, Maurer, kein Grundbesitz,
- Alois Schinzel, Hausnummer 154, Maurer mit 1,68 ha Land,
- Hans Schinzel, Hausnummer 172, Landwirt mit 25,41 ha Land.
 Blick auf Lichten von Osten mit dem Altvatergebirge im Hintergrund - Quelle: www.lichnov.cz
In Lichten gab es eine sehr ungleiche Betriebsgrößenverteilung. Im Jahre 1945 hatten 72 % der Haushalte überhaupt keinen Grundbesitz. Es handelte sich um landlose Haushalt, die ihren Lebensunterhalt als Handwerker, Arbeiter o.ä. verdienten. Von den 141 Haushalten mit Grundbesitz waren knapp die Hälfte (48 %) Nebenerwerbslandwirte. Ihr Land reichte zum Leben nicht aus, so dass sie einen weiteren Beruf - in der Regel ein Handwerk - ausübten. Insbesondere in den Betriebsgrößenklassen bis zu 10 ha, die nahezu zwei Drittel (65 %) aller Landbesitzer ausmachte, bestand die Mehrheit der landwirtschaftlichen Betriebe aus Nebenerwerbslandwirten. Die Betriebsgrößenklasse von 10 bis 20 ha machte 9,2 % der landwirtschaflichen Betriebe aus, diejenige von 20 bis 50 ha stellte 24,1 % und diejenige mit mehr als 50 ha 2,1 %. Dieser letzten Größenklasse mit nur drei Betrieben gehörte nahezu ein Viertel der Landfläche von Lichten. Ich habe die Betriebsgrößenverteilung von Lichten mit denen einer Reihe anderer Dörfer in der Anbauzone I und II im Gesenke verglichen. In allen Dörfern lag der Anteil der Betriebe mit bis zu 5 ha zwischen 25 und 40 %. Aber es gab einen wesentlichen Unterschied zwischen Lichten und den meisten anderen Dörfern: Während in Lichten der Anteil der Betriebe mittlerer Größe (5 - 20 ha) mit 36,9 % relativ schwach besetzt war, und der Anteil der größeren Betriebe (über 20 ha) mit 26,2 % vergleichsweise stark war, war es in den meisten anderen Dörfern genau umgekehrt. In den anderen Dörfern war die Betriebsgrößenverteilung sehr viel ausgeglichener als in Lichten: Neben dem kleinbäuerlichen Bereich mit einem Anteil von 25 - 40 %, gab einen starken mittelbäuerlichen Bereich mit Anteilen zwischen 45 und 65 % und einen großbäuerlichen Bereich mit 5 - 15 %. Nur in den Dörfern Groß-Herrlitz und in Boidensdorf zeigten sich ähnliche Verhältnisse wie in Lichten. In diesen drei Dörfern stand einer kleinen Schicht großer und größerer Bauern, die große Masse der Nebenerwerbslandwirte und Landlosen gegenüber. Außerdem wies Lichten mit einem Anteil von 31,6 % den niedrigsten Wert der in der Landwirtschaft Beschäftigten auf, der in den meisten anderen Dörfern zwischen 45 und 65 % lag.
Insgesamt 165 Haushalte bzw. knapp die Hälfte (46 %) der landlosen Haushalte in Lichten waren im Handwerk beschäftigt. Damit war der handwerkliche Sektor in Lichten sogar von größerer Bedeutung als der landwirtschaftliche Sektor, da nur 141 Haushalte einen landwirtschaftlichen Betireb bewirtschafteten. Die nächst größere Gruppe war die der Arbeiter und Angestellten, der ein Drittel (33 %) der landlosen Haushalte angehörten; von ihnen waren die meisten in der Strumpfwarenfabirk und im öffentlichen Dienst beschäftigt. Die Selbständigen machten etwa 7 % der landlosen Haushalte von Lichten aus, von denen die meisten als Einzelhändler und Gastwirte tätig waren. Ein relativ große Gruppe in Lichten waren die Rentner und Ausgedinger (Altenteiler), die 15 % der landlosen Haushalte ausmachten. Dieser hohe Anteil ist typisch für ein Abwanderungsdorf: Viele junge Leute wanderten in die Städte ab, um dort ihr Glück zu finden, während die alten Leute in ihrem Heimatdorf blieben. Die große Gruppe der Handwerker in Lichten bedarf einer näheren Untersuchung. Am stärksten vertreten waren 1945 die Berufe der Maurer und Dachdecker. Es gab damals in Lichten 62 Maurer, 47 Dachdecker, 21 Zimmerleute, 13 Schuhmacher, 11 Tischler und 10 Schneider. Obwohl Lichten ein sehr großes Dorf war, muß man angesichts dieser Zahlen wohl davon ausgehen, dass einige Handwerksberufe stark übersetzt waren. Erneut zeigen sich hier die Auswirkungen des Bevölkerungswachstums: Die fortlaufende Freisetzung nachgeborener Söhne aus der Landwirtschaft führte zu einer Ausweitung der Handwerksberufe bis auch diese überbesetzt waren und als letzter Ausweg nur noch die Abwanderung blieb. Das Handwerk des Gürtlers, in dem einige meiner Vorfahren um 1800 tätig waren, gab es 1945 nicht mehr; aber es gab noch einen Sattler und einen Handtaschenmacher. Auch das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch dominierende Handwerk hatte durch die Konkurrenz der mecha- nischen Webstühle einen Strukturwandel durchmachen müssen. Im Jahre 1945 gab es in Lichten nur noch einen Weber.
 Blick auf Lichten von Westen mit der Oder-Ebene im Hintergrund - Quelle: www.lichnov.cz
Aufgrund der Überbesetzung einiger Handwerksberufe in Lichten wird auch klar, warum mein Großvater Johann Schinzel knapp 50 Jahre zuvor das Dorf verlassen hatte und in das Deutsche Reich abwanderte. Er wurde im Jahre 1869 geboren und war wahrscheinlich ein nachgeborener Sohn, da die Ehe der Eltern bereits 1860 geschlossen wurde. Sein älterer Bruder könnte der 1945 in Lichten als Ausgedinger und Zimmermann in Hausnummer 116 lebende Adolf Schinzel gewesen sein, der dann an seinen ältesten Sohn Alois Schinzel den kleinen Grundbesitz von 3 ha vererbt hatte. Meinem Großvater blieb somit nichts anderes übrig als sich einen Beruf außerhalb der Landwirtschaft zu suchen. Er entschied sich für eine Ausbildung als Dachdecker. Nachdem er seinen Abschluss als Dachdeckermeister erreicht hatte, wird er für sich in Lichten angesichts der großen Konkurrenz an Dachdeckern jedoch kaum berufliche Chancen gesehen haben. Er entschied sich, sein Heimatdorf in Österreich-Ungarn zu verlassen und sich in der Grafschaft Glatz im damals boomenden Deutschen Reich niederzulassen.
2.4 Kulturelle Besonderheiten: Bezüglich der Dorfformen war Lichten ein sich am Cziczina-Bach entlang erstreckendes Reihendorf mit Waldhufenflur im Weichbild von Bennisch. Solche Dörfer wurden in der dritten und letzten Phase der Ostsiedlung angelegt. Die Siedlungsphasen verliefen von der Oder-Ebene im Osten in Richtung Westen zum Altvatergebirge. In einer ersten Phase, die etwa von 1200 bis 1240, kam es in der Ebene zwischen Oder und Oppa zu einer Auffüllung der damals noch nicht von Slawen bewohnten Gebiete durch Straßenangerdörfer mit Gewannflur. In der nächsten Phase der Ostsiedlung, die von 1230 bis 1275 andauerte, drangen die Dörfer über die Oppa in die damals noch von Urwäldern bedeckten Gebiete vor. Jetzt wurde bereits eine Rodung erforderlich; auf den gerodeten Flächen wurden Straßenangerdörfer mit Gelängeflur angelegt. Die östlich von Lichten gelegenen Dörfer Aubeln, Zossen und Klein-Herrlitz gehören dieser Dorfform an. In einer letzten, ab 1253 einsetzenden Siedlungsphase wurden Reihendörfer mit Waldhufenflur angelegt. Die meisten Dörfer im Gesenke wie auch Lichten wurden in dieser Dorfform geplant und angelegt. Ausgehend von einem zentralen Rodungsweichbild (z.B. Bennisch) wurden in der Umgebung Waldhufendörfer angelegt. In den Reihendörfern mit Waldhufenflur wurden die auf beiden Seiten des Baches oder der Straße gelegenen Bauernhöfe so weit auseinander gerückt, dass sie nicht aneinander gebaut wurden. Hinter den einzelnen Höfen erstreckte sich die Hügel hinauf ein Streifen Land für die Landwirtschaft, der an der Gemarkungsgrenze des Dorfes in Wald überging. Im Waldhufendorf schloss sich somit die zu bewirtschaftende Fläche unmittelbar an das Hofgebäude an und ermöglichte ein individuelles Wirtschaften ohne Rücksicht auf einen etwaigen Flurzwang des Nachbarn. Durch die Anbindung an ein Weichbild wie Bennisch entstanden kleine, sich selbst genügende Wirtschaftsräume.
Aus dieser für das Sudetenland typischen Dorfform ergaben sich auch besondere Hofformen. Das Bauernhaus stand etwas zurückgesetzt mit der Giebelseite zur Straße, von der es durch einen Vorgarten getrennt war. Die links und rechts des Hauses gelegenen Flächen bis zum Nachbargebäude wurden als Obstgarten genutzt. In dem Bauernhaus waren Wohnräume und Ställe unter dem gleichen Dach vereinigt. Sie lagen zu beiden Seiten eines Hausflurs, der das Haus quer teilte. Der links vom Flur liegende Wohnteil bestand aus einer größeren guten Stube und einer Schlaflkammer. Die Gesinderäume und die Stallungen befanden sich rechts des Flures. Das Bauernhaus wurde nach hinten durch eine Scheune begrenzt. Neben der Scheune und und mit dem Giebel zur Straße befand sich das Ausgedingerhaus für den Altenteiler. Die ältesten Häuser in Lichten waren im Holzblockbau aus Stämmen von Nadelbäumen gebaut. Sie hatten ein Sparrendach mit stehendem Stuhl und waren mit Schindeln bedeckt.  Lichten, Haus Nr. 79 (1945 bewohnt von Landwirtin Marie Hartel) Quelle: www.lichnov.cz Im Gesenke wurden verschiedene Mundarten gesprochen. Hieraus wurde gefolgert, dass das Gebiet von verschiedenen Siedlerströmen erreicht wurde. Im Norden um Jägerndorf, Bennisch und Lichten überwog die oberschlesisch-glätzische Mundart mit rhönhessischen Elementen. Dies war die Sprache der Ostsiedler aus Rhönhessen, Thüringen und dem westlichen Sachsen, die im 13. Jahrhundert am Nordrand der Mittelgebirge nach Schlesien einwanderten und im Verlauf der über Generationen andauernden Wanderung aus den verschiedenen Herkunftsregionen eine eigene Mundart entwickelten. Im Süden des Gesenkes überwogen dagegen die ostmainfränkischen Sprachelemente. Man vermutet, dass sie von Siedlern aus dem Gebiet nördlich von Bamberg, Kulmbach und Coburg stammten, die quer durch Böhmen in diese Gebiete einwanderten. Ein typisches Merkmal der gesamtschlesischen Mundart war, dass das e oder ä vielfach zu a wurde, wobei das e in den Endsilben -en und -er stets verschluckt wurde, also sahn statt sehen und Ladr statt Leder. Ebenso wurde das e oder ö häufig zu i, wie z.B. schien für schön und giehn für gehen. Das u wurde oft wie o gesprochen, also grueß statt groß und Nuet für Not. In meinem Elternhaus wurde keine schlesische Mundart mehr gesprochen. Aber es gab einige schlesische Ausdrücke und Redewendungen, die mein Vater sich wohl in seiner Kindheit im Elternhaus angeeignet hatte und die noch einen Bezug zu der im Gebiet von Bennisch gesprochenen Mundart haben. Hierzu gehören die Substantive Lure für dünnen Kaffee, Plauz für Lunge und Lackl, die Verben vahätscheln für verwöhnen, vahunzn für etwas verderben und nippeln für Alkohol trinken sowie die Adjektive gelakmeiert für betrogen und verdattert für überrascht.
Sowohl der österreichische und der benachbarte preußische Teil Schlesiens wie auch Mähren haben eine Reihe bekannter Dichter hervorgebracht, die in ihren Werken einen Eindruck von den hier lebenden Menschen und ihrer Heimat vermitteln. Einer der berühmtesten Dichter aus dieser Region war Joseph Freiherr von Eichendorff, der 1788 bei Ratibor in der Oder-Ebene geboren wurde. Er war einer der bedeutendsten Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik. In seinem bekanntesten Werk "Aus dem Leben eines Taugenichts" beschreibt er das ziellose Wandern eines jungen Mannes, der Gottes Wunder beschauen will. Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach wurde 1830 in dem 50 km südlich von Olmütz in Mähren gelegenen Ort Kremsier geboren. In ihren psychologischen Erzählungen "Krambambuli" und "Das Gemeindekind" übermittelte sie ein Bild von den sozialen Verhältnissen im Mähren zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Schiftstellerin und Mundartdichterin Anna Köhler wurde 1890 in Lichten geboren. Sie war eine entfernte Verwandte von mir, da sie eine geborene Orleth war und mein Vorfahr Leopold Schinzel im Jahre 1826 eine Maria Klara Orleth geheiratet hatte. Sie schrieb eine Reihe von Schauspielen, den Roman "Saat und Ernte" und viele volkskundliche Aufsätze für Heimatzeitschriften. Bruno Hans Wittek war ein Schriftsteller und Journalist, der 1895 in Freudenthal geboren wurde. Sein bekanntestes Werk "Sturm überm Acker" handelt von dem Leben des österreichischen Bauernbefreiers Hans Kudlich, der aus dem nahe Lichten gelegenen Lobenstein stammte, im Jahre 1848 an der Revolution in Wien teilnahm und danach Abgeordneter im österreichischen Parlament war. Joseph Roth stammte aus der Heimatregion des galizischen Astes der Schinzels. Er wurde 1894 bei Lemberg geboren, das damals zur Donaumonarchie Österreich-Ungarn gehörte. Sein bekanntestes Werk "Radetzkymarsch" wurde von dem Kritiker Marcel Reich-Ranicky zu einem der 20 besten Romane in deutscher Sprache gerechnet. Der Roman beschreibt das Österreich-Ungarn in seinen letzten Jahren vor dem Untergang des habsburgischen Kaiserreiches und zeichnet somit ein Bild dieser vergangenen Welt.  Lichten im Winter - Quelle: www.lichnov.cz 2.5 Soziales Zusammenleben: Mittelpunkt von Lichten und weithin sichtbar war die Kirche. Seit der Gegenreformation im 17. Jahrhundert war Lichten ein katholisches Dorf und gehörte zum Dekanat Jägerndorf. Die Pfarrkirche zum Hl. Nikolaus in Lichten wurde im Jahre 1730 erbaut und hatte eine wunderschöne Lage. Der Eingang der Kirche war nach Osten gerichtet; sie war von buschigen Linden umgeben, die zur Blüte einen betäubenden Duft verbreiteten. Ein Steg überbrückte den vor der Kirche fliessenden Dorfbach und verband den Kirchenplatz mit der Dorfstraße. Die Kirche besaß einen hohen Turm mit zwei Glocken, der mit Schiefer gedeckt war. Auf dem Mitteldach der Kirche befand sich ein kleinerer Turm mit dem Sterbeglöckchen. Im Inneren der Kirche zierte das Bild des Heiligen Nikolaus den Hochaltar. Schräg neben dem Hochaltar standen die Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Das Altarbild des linken Seitenaltars stellte die Madonna mit dem Kinde dar, am rechten Seitenaltar befand sich eine Herz-Jesu-Statue. Im Jahre 1926 wurde die Kirche renoviert. Sie wurde innen neu ausgemalt und erhielt neue Bänke. Es wurde elektrisches Licht verlegt und mit Hilfe von Spenden der Kirchgänger eine Rieger-Orgel angeschafft. Hinter der Kiche lag auf einer leicht ansteigenden Anhöhe der Friedhof, in dessen Mitte ein großes Steinkreuz stand. Die Schule von Lichten befand sich unmittelbar neben der Kirche. Das Schulgebäude wurde im Jahre 1891 errichtet. Davor wurden die Kinder in der Erbrichterei und im Hause Nr. 214 unterrichtet. Die Schule hatte fünf Klassenzimmer und ein Lehrmittelkabinett. Auch der Kindergarten, die Gemeindeverwaltung und die Gemeindebücherei befanden sich in diesem Gebäude. Zur Schule gehörte ein Stück Acker und ein Wald, die hinter der Schule lagen. Lichten hatte für die damalige Zeit eine relativ große Schule mit sieben Klassen. In Lichten gab es eine Reihe von Unternehmungen, die aus gemeinschaftlichen Anstrengungen der Einwohner und genossenschaftlichen Ansätzen hervorgegangen waren. Eine von ihnen war der Spar- und Vorschussverein, der 1938 in die Volksbank überführt wurde. Das neue Gebäude der Volksbank wurde 1937 unter der Leitung des Obmannes Hans Rotter erbaut. Nach der Größe stand die Lichtener Volksbank an elfter Stelle im Sudetenland. In Lichten gab es auch eine eigene Brandschadensversicherung. Ihre Gründung erfolgte im Jahre 1860. Zu ihren Gründungsmitgliedern gehörte ein J. Schinzel aus dem Haus Nr. 99, bei dem es sich wohl um den Großvater des 1945 im gleichen Haus lebenden Hans Schinzel handelte.
 Die Pfarrkirche zum Hl. Nikolaus in Lichten - Quelle: www.lichnov.cz Lichten hatte ein ausgeprägtes Vereinsleben. Der größte Verein war mit 120 Mitgliedern die Freiwillige Feuerwehr, die im Jahre 1894 gegründet wurde. Einmal im Jahr fand eine Vollversammlung statt, bei der der Kommandant gewählt wurde. Einer der letzten Kommandanten war der Landwirt Hans Schinzel aus dem Haus Nr. 172. Der zweitgrößte Verein war der Militärveteranenverein, der satzungsgemäß nur gediente Soldaten als aktive Mitglieder aufnahm. Der älteste Militärveteranenverein in der Region befabd sich in Troppau, der 1869 nach dem Krieg zwischen Österreich und Preußen gegründet wurde. Dieser Verein unterstand dem Protektorat des österreichischen Kaisers Franz Josef I., da die Mitglieder in dem in Troppau stationierten und nach dem Kaiser benannten "Infanterie-Regiment Kaiser Franz Joseph Nr. 1" gedient hatten. Dieses Regiment rekrutierte sich ausschließlich aus Schlesiern, so dass es gut möglich ist, dass auch einige Schinzels aus Lichten in ihm gedient haben. Der Lichtener Kirchenchor sang jeden Sonn- und Feiertagen in der Kirche sowie bei Hochzeiten und Begräbnissen. Auch im Lichtener Kirchenchor war ein Hans Schinzel vertreten. Einen Turnverein gab es in Lichten seit 1920, in dem Geräteturnen, Gymnastik und Freiübungen ausgeübt wurden. Später wurde auch das Mädchenturnen und Volkstanzen eingeführt. Im Jahre 1920 wurde in Lichten ein katholischer Volksverein gegründet. Die katholischen Vereine gehörten dem "Volksbund deutscher Katholiken für Nordmähren und Schlesien" an, dessen Vorsitzender der damalige Weihbischof von Olmütz Josef Schinzel war. Josef Schinzel stammte aus Kronsdorf, einem kleinen Ort westlich von Jägerndorf.
(Falls Sie an der ungekürzten Gesamtfassung des obigen Teiles der Chronik "Die Herkunftsregion meiner Vorfahren interessiert sind, so können Sie diesen gegen einen Unkostenbeitrag als pdf-Datei bei mir bestellen. Der obige Teil der Gesamtfassung umfasst 80 Seiten mit vielen Bildern und Karten.) E-Mail-Bestellung
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